Zwischen den Kulturen

Allah, Allah zwischen den Welten

2. Oktober 2016

Es ist erstaunlich! Ich lebe in Deutschland seit ich denken kann. Es war tatsächlich nie einfach. Nach einigen Ausbrüchen in diversen Subkulturen auf der Suche nach einer Identität kam ich auf ziemlichen Umwegen zum Alevitentum, obwohl meine Eltern sich als Aleviten bezeichneten. Wie einfach wäre es gewesen, wenn sie einfach mehr ihre Kultur gepflegt hätten und mir diese als Fenster gezeigt hätten? So wären bestimmt einige Entscheidungen in meinem Leben anders gelaufen. Doch in der abwechselnden Schichtarbeit, Hausarbeit blieb wohl einfach keine Zeit. Das Materielle hat das Geistige verschlungen. Einfach verrückt, für mich rückblickend.

Auf einmal habe ich eine Identität und es wird trotzdem nicht einfacher, denn Aleviten sind eine Minderheit auf der ganzen Welt. Vorher habe ich alles an mir verleugnet und jetzt muß ich auf einmal alles erklären und für alles Rechenschaft abgeben, nicht nur bei den Deutschen sondern auch bei den sunnitischen Türken und auch bei den Aleviten. Na super! Ich schaffe das, denke ich. Die Menschen sind nicht wichtig, sondern der Glaube den man im Herzen trägt.
Ich fahre in der Straßenbahn, rege mich über etwas auf und sage „Allah, Allah“. So kenne ich es seit meiner ersten Cem-Zeremonie in der Gemeinde. Doch im nächsten Moment, wenn ich um mich herum schaue, bemerke ich die schrägen Blicke von den Leuten um mich herum. Sie denken bestimmt „Was, die sieht doch gar nicht aus wie eine Muslimin und hat gar kein Kopftuch auf. Wieso sagt die Allah, Allah?“ In solchen Momenten fühle ich mich, als würde ich zum IS gehören! Vielleicht gehöre ich ja dazu und weiß selbst noch nichts davon. Mhmhmhm, da muß ich beim nächsten Gebet wohl mein Unterbewusstsein fragen.
Vielleicht bin ich ein versteckter Islamist und mache nur auf liberal und bete heimlich in meinem Herzen zu einem anderen Gott. Wie törricht!
Ganz zu schweigen von der Tatsache, das ich mir diesen Ausspruch bei meinen Schwiegereltern, Urgroßschwiegereltern oder sogar deutschen Freundinnen komplett vermeide. Alles hat seine Zeit, seinen Raum, das vestehe ich. Aber wenn der ganze Raum nur noch mit Einschränkungen ausgefüllt ist, wo ist die Freiheit für den Geist und das Herz?

Ich verstehe die Ängste der Bevölkerung hier, trotzdem ist dieses stereotypisieren echt blöd und kann einen echt beschäftigen. Wenn es zur Sprache kommt, heißt es dann „Du bist nicht im Einklang mit Dir selbst!“ Da frage ich mich „wie denn auch, wenn ich nicht einmal ich selbst sein darf?“
Wenn unsere Ängste unseren Alltag bestimmen, ist es höchste Zeit neue Wege zu gehen…

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