Derwischengeschichten

Drei gute Ratschläge

12. Oktober 2016

Einst fing ein Mann einen Vogel. Der Vogel sagte zu ihm: „Als Gefangener habe ich keinen Wert für dich. Aber wenn du mich freilässt, so will ich dir drei wertvolle, gute Ratschläge geben.“
Der Vogel versprach, den ersten guten Rat zu erteilen, solange er noch in der Gewalt des Mannes ist, den zweiten, wenn er auf einen Zweig gefolgen sei, den dritten, nachdem er den Gipfel eines Berges erreicht hätte. Der Mann war einverstanden und wollten den ersten guten Rat wissen.
Der Vogel sagte: „Wenn du etwas verlierst, selbst wenn du es so sehr schätzt wie das Leben selber – beklage es nicht.“
Nun gab der Mann den Vogel frei, und er hüpfte auf einen Zweig.
Und dann gab er den zweiten guten Rat:
„Glaube nie etwas, was der Vernunft widerspricht, ohne es zu prüfen.“
Dann flog der Vogel auf den Gipfel des Berges.
Von hier aus sagte er: „O Unglücklicher! In mir befinden sich zwei riesige Juwelen, und du hättest mich nur töten müssen, um in ihren Besitz zu gelangen.“
Der Mann grämte sich um das, was er verloren hatte, aber er sagte: „Gib mir nun wenigstens den dritten guten Rat.“
Der Vogel antwortete: „Was für ein Narr du bist, mich nach noch mehr guten Ratschlägen zu fragen, nachdem du die beiden ersten nicht befolgt hast! Ich sagte dir, du solltest dir keinen Kummer um das machen, was verloren ist und nichts glauben, was der Vernunft widerspricht. Nun tust du beides. Du glaubst etwas Lächerliches und grämst dich, weil du etwas verloren hast! Ich bin nicht so groß, dass sich riesige Juwelen in mir befinden könnten. Du bist ein Narr. Darum musst du in der gewöhnlichen, dem Menschen auferlegten Beschränkung weiterleben.“

Quelle:
„Mathnavi“ Attar und Rumi 13. Jahrhundert

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