Derwischengeschichten

Timur Agha und die Sprache der Tiere

15. Juni 2018

Timur Agha und die Sprache der Tiere

Es war einmal ein Türke mit Namen Timur Agha, der Stadt und Land, Dörfer und Märkte nach jemandem durchsuchte, der ihn die Sprache der Tiere und Vögel lehren könnte. Wohin er auch kam, stellte er diese Frage, denn er wusste, dass der große Nahmuddin Kubra diese Fähigkeit besessen hatte und er suchte jemanden aus der Traditionskette seiner Schüler, um dieses ungewöhnliche Wissen, die Lehre des Salomon, zu erlangen.

Schließlich, nachdem er die Tugenden der Standhaftigkeit und Großherzigkeit entwickelt hatte, rettete er das Leben eines gebrechlichen alten Derwisches, der im Gebirge in den Seilen einer Hängebrücke hing und ihm sagte: „Mein Sohn, ich bin Bahaudin, der Derwisch und ich habe deine Gedanken gelesen. Von jetzt an wirst du die Sprache der Tiere verstehen. „Timur versprach, dieses Geheimnis niemals irgendjemanden anzuvertrauen.

Timur Agha eilte nach Hause auf seinen Hof. Bald hatte er eine Gelegenheit, seine neue Fähigkeit anzuwenden. Ein Ochse und ein Esel unterhielten sich in ihrer Sprache miteinander. Der Ochse sagte: “ Ich muss einen Pflug ziehen, du aber musst nur auf den Markt gehen. Du bist sicher klüger als ich. Gib mir also einen gute Rat, wie ich aus all dem raus kommen kann.“

Alles was du zu tun hast“, sagte der listige Esel, „ist dies: lege dich hin und tu so, als hättest du schreckliche Magenschmerzen. Dann wird der Bauer sich um dich kümmern, denn du bist ein wertvolles Tier. Er wird dir erlauben, dich auszuruhen und dir besseres Futter geben.“ Natürlich hatte Timur Agha dies gehört. Als sich der Ochse hinlegte, sagte Timur mit lauter Stimme: „Ich werde diesen Ochsen heute Abend zum Schlachten bringen, wenn es nicht in einer halben Stunde besser mit ihm wird.“ Und es wurde besser, sehr viel besser!

Timur musste lachen und seine Frau, die von Natur aus neugierig und trotzig war, wollte unbedingt wissen warum er lachte. Er dachte an sein Versprechen und weigerte sich, es ihr zu erzählen.

Am nächsten Tag gingen sie zum Markt, der Bauer zu Fuß, seine Frau auf dem Esel reitend, das kleine Eselchen lief hinterher. Das kleine Eselchen schrie und Timur verstand, dass es zu seiner Mutter sagte: „Ich kann nicht mehr laufen, lass mich auf deinen Rücken.“ Die Mutter antwortete in der Eselssprache: „Ich trage die Frau des Bauern und wir sind nur Tiere, das ist unser Schicksal. Ich kann nichts für dich tun mein Kind.“

Sogleich ließ Timur seine Frau vom Esel absteigen und gab ihm eine Ruhepause. Sie rasteten unter einem Baum. Die Frau war wütend aber Timur sagte nur, „Ich meine es ist Zeit sich auszuruhen.“

Der Esel dachte bei sich: „Der Mann versteht unsere Sprache. Er muss gehört haben, wie ich mich mit dem Ochsen unterhalten habe und eben darum hat er gedroht ihn zum Schlachten zu bringen. Aber mir hat er nichts getan, ja er hat meine List sogar mit Güte beantwortet.“

Er schrie:“ Dankeschön, Meister.“ Timur lachte über das Geheimnis, das er besaß aber sein Weib war wütend. „Es scheint mir als wüsstest du etwas über die Sprache, mit der diese Tiere sich unterhalten“, sagte sie.

„Wer hat je etwas von einem sprechenden Tier gehört?“ fragte Timur.

Zu Hause schüttelte er dem Ochsen frisches Stroh auf, das sie gekauft hatten und dieser sagte: „Dein Weib plagt dich und dein Geheimnis wird unter diesen Umständen bald herauskommen. Wenn du armer Mann es nur begreifen würdest, könntest du ihr gutes Benehmen beibringen und dich selber in Sicherheit bringen, indem du ihr ganz einfach drohst sie mit einem Stock, nicht dicker als dein kleiner Finger, zu schlagen.“

„So ist das also,“ sagte Timur, „dass dieser Ochse, dem ich mit dem Schlachthaus gedroht habe, sich um mein Wohlergehen sorgt.“

Er ging zu seinem Weib, nahm ein kleines Stöckchen und sagte: „Willst du dich wohl anständig benehmen und aufhören mich auszufragen, selbst wenn ich noch so viel lache!“

Darüber erschrak sie sehr, denn noch nie hatte er so mit ihr gesprochen. Er musste ihr nichts verraten und war bewahrt vor dem furchtbaren Schicksal, das diejenigen erwartet, die Geheimnisse weitergeben an jene, die noch nicht fähig sind sie zu empfangen.

 

 

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