Derwischengeschichten

Der Königssohn

2. Dezember 2016

In einem Lande, in dem alle Menschen wie Könige sind, lebte einst eine Familie, die in jeder Weise zufrieden war, und alles, was sie umgab, kann mit Worten irgendeiner Sprache wie wir sie heute kennen, nicht beschrieben werden. Dieses Land Sharq schien auch den jungen Prinzen Dhat zufrieden zu stellen.-bis zu jenem Tage, an dem seine Eltern ihm sagten: „Liebster Sohn, es besteht in unserem Lande die unumgängliche Gepflogenheit, dass jeder königliche Prinz, sobald er ein bestimmtes Alter erreicht hat, in die Welt hinausziehen muss, um auf die Probe gestellt zu werden. Dies soll ihn auf die Königswürde vorbereiten, damit er durch Achtsamkeit und stetes Mühen, sowohl was seinen Ruf als auch was seine Leistung angelangt, einen Stand der Mannhaftigkeit erreiche, der auf keine andere Weise errungen werden kann. Das gilt seit frühester Zeit, und so wird es sein bis zum Ende.“
So bereitete Prinz Dhat sich auf dei Reise vor, und seine Familie versorgte ihn mit henen Lebensmitteln, die ihnen zur Verfügung standen: eine besondere Speise, die ihn in der Fremde stärken sollte. Es war zwar nur eine kleine Menge, jedoch von unbegrenzter Fülle.
Sie versorgten ihn auch mit gewissen anderen Hilfsmitteln, die ihn bei richtigem Gebrauch schützen würden, über die man aber nicht sprechen kann.
Er musste in ein bestimmtes Land reisen, es heißt Misr und er musste verkleidet gehen. Darum gab man ihm für die Reise Führer mit und eine Kleidung, die den neuen Umständen entsprach und seine königliche Geburt nicht erkennen ließ. Seine Aufgabe bestand darin, aus Misr einen bestimmten Edelstein zurückzubringen, der von einem schrecklichen Ungeheuer bewacht wurde.
Se3ine Begleiter ließen Dhat schließlich alleine weiterhin, aber bald darauf traf er jemanden, der mit einem ähnlichen Auftrag unterwegs war und zusammen war es ihnen möglich, die Erinnerung an ihre hohe Herkunft lebendig zu erhalten. Durch die Luft und die Nahrung des Landes senkte sich jedoch mit der Zeit eine Art Schläfrigkeit auf die beiden und Dhat vergaß seinen Auftrag.
Er lebte jahrelang in Misr, verdiente sich seinen Lebensunterhalt und übte einen anspruchslosen Beruf aus, wobei ihm seine eigentliche Aufgabe scheinbar nicht mehr bewusst war.
Auf eine Weise, die man nur bei ihnen kennt, erfuhren die Leute in Sharq von der misslichen Lage Dhats und gemeinsam arbeiteten sie auf ihre Weise an seiner Befreiung, damit er seine Aufgabe wieder aufnehmen könnte. Dem jungen Prinzen wurde auf besondere Weise eine Botschaft gesandt, die lautete: „Wach auf! Denn du bist der Sohn eines Königs, ausgesandt mit einem bestimmten Auftrag, und zu uns musst du zurückkehren“.
Diese Botschaft weckte den Prinzen, der nun den Weg zu dem Ungeheuer fand. Durch bestimmte Töne brachte er es zum Einschlafen. Dann nahm er den unschätzbaren Edelstein, den es bewacht hatte, an sich.
Nun folgte Dhat den Klängen der Botschaft, die ihn geweckt hatten, zog wieder die Tracht seines Heimatlandes an und kehrte – geführt durch den „Klang“ – auf demselben Wege, auf dem er gekommen war, in das Land Sharq zurück.
In erstaunlich, kurzer Zeit sah Dhat die alten Trachten und das Land seiner Väter wieder und erreichte die Heimat. Durch die Erfahrungen aber war er jetzt in der Lage zu sehen, dass es irgendwie in herrlichem Glanze erstrahlte als je zuvor und dass es ihm Sicherheit bot; er erkannte auch, dass eds die Stätte war, an die sich die Bewohner von Misr unbestimmt unter dem Namen „Salamat“ erinnerten. Sie meinten allerdings, dieses Wort bedeute „Unterwerfung“.
Er aber erkannte jetzt was wirklich gemeint war:“Frieden“.

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