Derwischengeschichten

So entstand eine Tradition

4. November 2016

Es war einmal eine Stadt, die aus zwei parallel laufenden Straßen bestand. ein Derwisch ging von der einen Straße in die andere hinüber, und als er dort ankam sahen die Leute, dass er Ströme von Tränen vergoss. Da rief einer: „In der anderen Straße muss irgend jemand gestorben sein!“ sogleich hatten alle Kinder ringsum den Ruf aufgenommen.
Was aber hatte sich tatsächlich ereignet? Der Derwisch hatte Zwiebeln geschält.

Kurze Zeit danach hatte das Geschrei auch die erste Straße erreicht und die Erwachsenen beider Straßen waren so betrübt und so bange – waren die Leute der beiden Straßen doch untereinander verwandt -, dass sie nicht nachzufragen wagten, was die Ursache für all die Aufregung sei.
Ein weiser Mann versuchte, den Leuten der beiden Straßen vernünftig zuzureden, und er fragte: „Warum sprecht ihr denn nicht miteinander?“ Sie aber waren so verwirrt, dass sie selber nicht mehr wussten, was sie sagten und einige meinten: „Nach allem, was wir wissen, ist in der anderen Straße eine furchtbare Seuche ausgebrochen.“
Auch dieses Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, bis schließlich sowohl das Volk der einen als auch das der anderen Straße von dem anderen meinte, es sei dem Verderben, ja sogar dem Untergang geweiht.
Nachdem Ruhe und Ordnung einigermaßen wieder hergestellt waren, entschlossen sich die beiden Völker auszuwandern, um sich zu retten. So gescha es, dass sowohl die eine als auch die andere Seite der Stadt vollkommen geräumt wurde.
Heute, Jahrhunderte später, ist die Stadt noch immer verlassen und nicht weit davon entfernt stehen zwei Dörfer. Jedes hat seine eigene Überlieferung, die davon berichtet, wie es geschah, dass sie in ferner Zeit dank einer glücklichen Flucht aus einer durch namenloses Unheil dem Untergang geweihten Stadt entkamen und sich neu ansiedelten.

Quelle: aus dem Lehrbucht Asrar-i-Khilwatia („Geheimnisse der Einsiedler“) des Sheikh Qalandar Shah des Suhrawardi-Ordens.

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