Zwischen den Kulturen

Zwischen Raubtieren und Lämmern

9. Dezember 2016

Es ist wieder einer dieser Tage, die Kinder quängeln bei jeder Gelegenheit, Frust macht sich bei allen breit, ich rotiere zwischen Staubsauger, Kinderzimmer, Bad und Küche. Mein Tee ist natürlich auch schon kalt. Saft drauf, dann isses ein Eistee. Mhmhm, lecker so im Winter. Ich vergesse zu trinken! Das Kind schreit, will stillen, ich vergesse aufs Klo zu gehen…vergesse elementare Dinge für’s Überleben!

Zwischendrin höre ich mich selbst immer wieder, mal energisch und manchmal fast hysterisch „Nein, bitte wirf das nicht runter“, oder flehend „bitte komm doch kurz her, wir gehen raus ich muss dich anziehen, bitte, bitte“, sagen.

Ich entscheide mich, ein wenig raus auf den Spielplatz und danach Einkaufen zu gehen. Draussen ist alles nur halb so schlimm. No Drama, No Stress. Denkste. Ich soll doch mit rutschen, die Kleine traut sich nicht. Kaum bin ich auf diesen blöden Turm hoch gekrakselt, rutscht sie runter und lacht. „Ich dachte wir rutschen zusammen!“ Gut, dann zwänge ich meinen Po schön auf die Rutsche mit Baby vorne. Unten heil angekommen. Glück gehabt.

Wenn ich an solchen Tagen eine Kurve malen müsste, würde ich sagen ich bin manisch. Wie dem auch sei. Der Frust wächst, schließlich habe ich beide Kinder schon durchgehend eine ganze Woche, ohne Pause weil sie krank waren. Eine ganze Woche! Sie sind keine Last, nur sind diese Menschenwesen nicht dafür gemacht mit mir allein und meinem arbeitendem Mann in unserem Ghettodorf zu leben. Wir haben zwar auch viel grün in unmittelbarer Umgebung, trotz allem. Nur mit Anne und Baba allein isses doof. Vor allem im Winter.

Mandalas, Gebete, alles am Start, ohne wäre ich wahrscheinlich schon durchgedreht, an manchen Tagen:
Ich bete, das sie diesmal gemeinsam Mittagsschlaf machen…
Ich bete, das die Ältere doch einmal mit dem Essen am Tisch bleibt….
Ich bete, das sie sich nicht um das Spielzeug streiten…
Ich bete, das dem Kleinen nicht der E-Bass auf die Rübe fällt…
Ich bete und bete und lande einfach am Ende des Tages immer wieder bei demselben Punkt…
Dieses Leben kann nicht für Mutter und Kind gesund sein.

Zum Glück gibt es bei uns noch die Möglichkeit auszuweichen, wir sind mobil mit dem Rad oder Auto. Was machen aber die Annes und Babas hier im Ghettodorf, die nicht immer weg kommen, frage ich mich und beginne meine Umgebung zu analysieren. Ich sehe mir die Mütter an, wie sie zum Netto laufen, denn in jedem Ghetto gibts „nen Netto. Sehe die Väter dazu mit „Terliks“ und Jogginganzug. Sie alle sehen nicht wirklich glücklich aus. Geht es hier nur um Geld? Macht Geld tatsächlich die Eltern glücklich und die Kinder ausgeglichener. Es interessiert mich.

Die Sommer sind schön hier, es sind unheimlich viel Kinder auf den Straßen, richtige Rasselbanden. Jeder kennt jeden. Die Kids kommen zum Süssigkeiten schnoren. Noch so ein bißchen „OldSchool“. Alle essen yumyum, getrocknete Nudeln mit Gewürzen. „Ghettochips“, sagt man in den Staaten. Dort werden sie tatsächlich auch in ärmeren Vierteln sehr oft gegessen. Aber mehr aus dem Grund, weil kein sauberes, fließendes Wasser da ist.

Es gibt Kinder hier, die sind mit wenig glücklich. Man sieht ihnen an, das sie ganz gut über die Runden kommen. Es gibt auch welche, die ziemlich stressig oder tatsächlich gewalttätig sind. Doch unterm Strich, verstehen sie sich schon und spielen einfach miteinander. Irgendwie schön. Sie spielen also nicht alle nur mit ihren Eltern, sondern tatsächlich miteinander. Vielleicht fördern die Eltern sie nicht so groß, aber es sind eigentlich gesunde Kinder. Natürlich hört man aus jedem Dritten Haushalt, das Kind hätte adhs.

Mein Kind bewegt sich frei zwischen den Kindern, bändelt mit vielen an, ist gesellig, stellt an. Wie cool, denke ich mir. Sie macht bisher keine Unterschiede. Hat sogar richtige Freundinnen. Das macht es aber auch nicht einfacher. Die klingeln nämlich fast jeden Tag, und kommen vorbei. Früh oder spät. Extrastress, aber irgendwie auch schön. Ich wünsche mir manchmal ein kleines Haus in diesem Ghettodorf, in dem die Kids zum Essen ein und ausgehen, spielen. Es gibt Momente, in denen alles zuviel wird aber wie von „Geisterhand“ kommt Hilfe. Gerade zwischen Raubtieren und Lämmern. Wenn die Kontraste stark sind, werden die Zwischenschattierungen stärker. Das gilt im Guten wie im Schlechten. Ich fange an grau zu lieben…

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